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WLE Newsletter – Sommer 2005

Inhalt:
 Kulturelle Exkursion: Japanische Kalligraphie
 Japanischer Kultur-Workshop: Wie backt man Osenbei?
 Studenteninterview: Jennifer Grier
 Studenteninterview: Travis Ito-Stone


Kulturelle Exkursion: Japanische Kalligraphie


An einem heißen Sommertag im Juni führte uns unser WLE Ausflug in eine traditionelle japanische Kulturschule (Reisenkai). Die Studentengruppe, bestehend aus Abigail, Max, Matt, Laura (alle aus den USA), Sabrina (aus Italien) und Xui Mui (aus Schweden), konnte es kaum erwarten, hier ihren ersten Kalligraphie-Unterricht zu erleben. Die Schule befindet sich in einem sehr ruhigen Stadtteil und wir konnten kaum glauben, dass wir uns trotzdem mitten in Tokio befanden.

Shindo sensei erklärt den richtigen Umgang mit Pinsel und Tinte Laura, Max, Sabrina, Abigail Matt und Xui Mui gemeinsam mit Shindo sensei, der Lehrerin Ein wahres Kunstwerk

Nachdem wir an der Schule angekommen waren, begann unser Kalligraphie-Unterricht unter der Aufsicht der Lehrerin (Sensei), Frau Shindo. Gleichzeitig fanden aber auch noch andere Kurse im Gebäude der Schule statt, die sich mit anderen Aspekten der japanischen Kultur beschäftigten, wie zum Beispiel Kimono, Ikebana (die Kunst des Blumensteckens), Okoto (eine japanische Harfe), Nichibu (ein traditioneller japanischer Tanz) und Sado (japanische Tee-Zeremonie).

Zuerst gab uns Shindo sensei einen kurzen Überblick über den Ursprung und die Geschichte der Kalligraphie. Kalligraphie ist eine Kunst, die schon seit über 300 Jahren ausgeübt wird. Die Kalligraphie zu erlernen ist sehr wichtig, um die japanische Kultur verstehen zu können.

Anschließend erklärte sie uns den richtigen Gebrauch der verschiedenen Utensilien. Folgende Hilfsmittel gehören zu einer vollständigen Kalligraphie-Ausrüstung: Fude (japanischer Pinsel), Shitajiki (eine schwarze Filz-Unterlage), Hanshi (spezielles feines Schreibpapier), Suzuri (Tuschestein, auf dem die Tusche mit Wasser angerieben wird), Bunchin (ein Metallstab, um das Papier zu beschweren) und Sumi (ein Tuscheblock). Auch hatte Shindo sensei einige wertvolle Tipps für uns:

1. Das Hanshi-Papier hat eine glatte Vorder- und eine raue Rückseite, aber geschrieben werden sollte nur auf der glatten Seite.
2. Der Pinsel muss stets im rechten Winkel gehalten werden.
3. Es kann leicht passieren, dass man mit dem Pinsel zuviel Tusche aufnimmt. Daher sollte man stets nur soviel Tusche aufnehmen, wie man für ein Wort oder für einen Strich braucht.
4. Mit der linken Hand sollte man stets das Papier festhalten.

Bei den japanischen Schriftarten Hiragana oder Kanji wird das Schriftzeichen jeweils mit Strichen „gezeichnet“. Diese Vorgehensweise wird Kaisho (Druckschrift) genannt. Darüber hinaus gibt es zwei Schreibstile, durch welche die Wörter allerdings schwerer lesbar werden: Hierbei werden die Schriftzeichen mit wenigen, zusammenhängenden Strichen gezeichnet, ähnlich wie unsere Schreibschrift. Diese beiden Stile werden Gyosho (halbkursiv) und Sosho (kursiv) genannt.

Nach dieser theoretischen Einführung begann der praktische Teil. Shindo sensei bat uns, das Hanshi-Papier in neun Zeilen zu unterteilen, und wir schrieben Hiragana-Zeichen im Kaisho-Stil. Laura und Xui Mui hatten sich vorher schon einmal in Kalligraphie versucht, aber für den großen Rest war es der erste Versuch mit Pinsel und Tinte zu schreiben, was so manchem einige Schwierigkeiten bereitete.

Anschließend versuchten wir die Hiragana im Gyosho-Stil zu schreiben. „Es ist viel schwerer als man denkt“, meinte Sabrina nach einigen Versuchen. Allerdings waren alle von dem „fließenden“ Aussehen der Zeichen fasziniert. Als wir mit den Hiraganas fertig waren, schaute sich Shindo sensei jedes Hanshi-Blatt genau an und erklärte: „Die Art, wie ihr ein Wort schreibt, ist als Reflektion eurer Gedanken zu betrachten, deshalb gibt es keinen schlechten oder guten Schreibstil in der japanischen Kalligraphie.“

Nachdem wir uns einige Zeit in der neu erlernten Kunst geübt hatten, forderte uns Shindo sensei auf, unsere Lieblingswörter in Kanji zu schreiben. Laura entschied sich für 自由 (Freiheit), Abigail für 平和 (Frieden), Sabrina für 運命 (Schicksal) und Matt, der sich für japanischen Kampfsport interessiert, 柔道 (Judo). Am Ende unseres Unterrichts gab Shindo sensei jedem von uns ein Blatt Hanshi-Papier mit einem perfekten und wunderschönen Musterbeispiel des jeweiligen Lieblingswortes.

Wir erlebten einen wunderbaren Nachmittag im Reisenkai, was vor allem an den gastfreundlichen und hilfsbereiten Mitarbeitern lag. Wir freuen uns schon auf unseren nächsten Besuch!



Japanischer Kultur-Workshop: Wie backt man Osenbei?


An einem sonnigen Apriltag fuhr eine Gruppe von WLE Studenten in die Präfektur Saitama, um dort die lokale Kunst der Osenbei-Zubereitung kennen zu lernen. Sara, Grace (beide aus den USA) und David (aus Australien) konnten es kaum erwarten, praktische Erfahrungen in dem bekannten Osenbei-Laden Ichifuku in Souka zu sammeln.

Osenbei ist ein traditionelles japanisches Reisgebäck, das in Japan seit der Edo-Periode (1603-1867) hergestellt wird und sich in allen Altersgruppen großer Beliebtheit erfreut. Die Zutaten sind Reis, Wasser und Sojasoße. Darüber hinaus gibt es alle erdenklichen Geschmacksrichtungen, beispielsweise gibt es Kekse mit Zucker, grünem Tee, rotem Pfeffer, mit Pflaumengeschmack, mit Knoblauch usw. Der Phantasie sind (fast) keine Grenzen gesetzt.

Als wir das in einer ausgesprochen friedvollen und heiteren Umgebung liegende Geschäft erreichten, wurden wir von dem Besitzer persönlich, Takahashi-san, begrüßt. Das Geschäft ist ein florierender Familienbetrieb und befindet sich bereits seit 18 Generationen im Besitz der Familie Takahashi.

Zuerst statteten wir dem kleinen Museum neben dem Geschäft einen Besuch ab und informierten uns gründlich über die Geschichte des Osenbei. Höhepunkte der Ausstellung waren vor allem die bis zu 300 Jahre alten Werkzeuge und alte Fotografien, die zeigten, wie früher die Kekse mit der Hand hergestellt wurden.

Nach dem kurzen Museumsbesuch ging es in die Fabrik, in der wir sehen konnten, wie das Reisgebäck heutzutage maschinell hergestellt wird. Das wichtigste bei der Osenbei-Produktion ist aber, so Takahashi-san, die Zeit, die auf jeden einzelnen Keks verwendet werden muss. So können die Kekse, auch wenn die maschinelle Ausstattung für ein Maximum an Effizienz sorgt, nie ein Massenprodukt werden.

Hier die drei wichtigsten Schritte der Osenbei-Produktion:

1) Zuerst wird der Reis, der von möglichst hoher Qualität sein sollte, ausgewählt und mit Wasser gereinigt. Anschließend werden die Reiskörner in mehrere Stücke zerbrochen, gedünstet und anschließend mit Wasser gekühlt. Diese Prozedur wird mehrmals wiederholt.
2) Wenn der Reis bis auf Raumtemperatur heruntergekühlt ist, muss er durchgeknetet und in die Form eines Kekses gebracht werden. Anschließend müssen die kleinen Kekse über 8 Stunden trocknen.
3) Jeder einzelne Keks wird gebacken, indem eine Maschine ihn zusammenpresst und mehrmals wendet. Dieser Vorgang muss bis zu fünfmal wiederholt werden, bis der Keks eine sichtbare Bräunung aufweist. Zum Schluss wird der Osenbei noch mit Sojasoße bestrichen und ist dann fertig. Lecker!

Nachdem wir uns selber in der Zubereitung versucht hatten, machten wir eine interessante Entdeckung: Unsere Kekse schmeckten alle anders, obwohl wir die gleichen Zutaten verwendet hatten! Wie uns Takahashi-san erklärte ist der Geschmack der Kekse nicht nur abhängig von den Zutaten, sondern auch vom Wetter, der Temperatur mit welcher der Keks gebacken wird, wie viel Luft in dem Keks eingeschlossen ist und wann und wie oft man den Keks beim Backen wendet.

Der Nachmittag in Souka war auf jeden Fall die kleine Reise wert und wir sind sehr dankbar für diese einmalige Gelegenheit, unter der fachkundigen Anleitung von Takahashi-san unsere ersten praktischen Erfahrungen in der Zubereitung einer japanischen Spezialität sammeln zu können.

Das Osenbei Museum Grace bewundert die alten Werkzeuge Sara und David backen ihre ersten Osenbei

Das fertige Produkt – echte japanische Osenbei

Früher nutzte man Wassermühlen für die Produktion



Studenteninterview: Jennifer Grier


Name: Jennifer Grier
Alter: 20
WLE Programm: Konversationsprogramm (6 Wochen)
Wohnhaft in: USA
Nationalität: USA
Beruf: Studentin / Musikerin
Sprachkenntnisse: Englisch
Hobbys: Musik, Anime, Technik, Videospiele

Bist du zum ersten Mal in Japan?
JA!

Warum hast du dich dafür entschieden, Japanisch zu lernen?
Ich finde diese Sprache sehr schön und interessant. Auch hoffe ich, eines Tages für eine japanische Firma, die Videospiele produziert, zu arbeiten.

Wie gefällt dir dein Studium in Japan?
Es gefällt mir sehr gut! Ich habe vorher nie eine Fremdsprache gesprochen und ich freue mich sehr über meine neuen Sprachkenntnisse, die ich hier erworben habe.

Entsprechen die Kurse deinen Erwartungen?
Nein, das nicht gerade, aber das ist großartig! Ich habe so viele verschiedene neue Menschen kennen gelernt, wie ich mir zuvor einfach nicht vorstellen konnte, habe die Sprache relativ schnell erlernt und werde meine tollen Lehrer stets in guter Erinnerung behalten.

Wie gefällt dir Tokio?
Ich mag die Stadt sehr! Es gibt so viel zu entdecken hier – ich glaube man kann nie sagen, dass man wirklich alles in Tokio gesehen hat.

Was findest du in Tokio am interessantesten?
Wie unglaublich sauber die U-Bahnen sind. Und auch, wie viele Menschen sich in einem Waggon zusammenquetschen können und wie ruhig und geduldig sie dabei bleiben.

Hat dich dein Aufenthalt in Japan verändert? Wenn ja, inwiefern?
Ich denke, dass ich viel an Selbstvertrauen gewonnen habe und dass ich schneller die Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehme.

Was gefällt dir an Tokio/Japan am besten?
Die Japaner sind sehr freundlich und hilfsbereit und Tokio ist, verglichen mit New York, eine sehr saubere Stadt.

Was gefällt dir an Tokio/Japan am wenigsten?
Zwar sind die Lebenshaltungskosten hier schwer zu vergleichen mit denen in den USA, weil man als ausländischer Student einfach generell viel Geld für Reisen, Souvenirs etc. ausgibt, aber es ist wirklich teuer hier!

Wirst du wieder nach Tokio/Japan reisen?
Ja, natürlich!

Welchen Rat würdest du Studenten geben, die zum ersten Mal nach Tokio/Japan kommen?
Man sollte sich bereits vor der Ankunft in Japan über die alltäglichen Dinge, die man sicher braucht, informieren. Auch sollte man klären, ob alltägliche Gegenstände, die wir ständig benutzen, hier überhaupt vorhanden sind! (wie etwa Deo-Roller, Nahrungsmittel etc)



Studenteninterview: Travis Ito-Stone


Name: Travis Ito-Stone
Alter: 19
WLE Programm: Sprach- und Kulturprogramm mit Karate
Wohnhaft in: USA
Nationalität: USA
Beruf: Student
Ausbildung: High School Absolvent, College Student im vierten Semester
Sprachkenntnisse: Englisch und Spanisch
Hobbys: Karate, Snowboarden, Reisen etc.

Bist du zum ersten Mal in Japan?
Nein, dies ist mein zweiter Aufenthalt in Japan, das erste Mal hatte ich nur Grundkenntnisse der japanischen Sprache.

Warum hast du dich dafür entschieden, Japanisch zu lernen?
Ich möchte mich mit meinen Verwandten, die in Japan leben, unterhalten können. Ich interessiere mich sehr für japanische Kultur und japanischen Lifestyle.

Wie gefällt dir dein Studium in Japan?
Die Kurse hier sind viel ausführlicher als die Kurse in meinem College und ich würde sicherlich noch mehr lernen, wenn ich mich mehr auf mein Studium konzentrieren würde.

Entsprechen die Kurse deinen Erwartungen?
Sie sind ausführlicher als ich erwartet habe, und kleine Reisen durch Japan kann ich nur an den Wochenenden unternehmen. Um mehr reisen zu können sehe ich mich leider manchmal gezwungen, Kurse ausfallen zu lassen.

Wie gefällt dir Tokio?
Ich mag Tokio, aber ich denke, dass in kleineren Städten und Dörfern die Menschen freundlicher sind als hier.

Was findest du in Tokio am interessantesten?
Die interessante Mischung von traditionellen und modernen Aspekten Japans.

Hat Dich dein Aufenthalt in Japan verändert? Wenn ja, inwiefern?
In Japan habe ich zum ersten Mal in meinem Leben alleine gewohnt, ich denke, dass ich daher viel unabhängiger geworden bin.

Was gefällt dir an Tokio/Japan am besten?
Wenn man sich so lange wie ich in einer fantastischen und großen Stadt wie Tokio aufhält, beginnt man das Leben auf dem Land zu vermissen. Mir gefiel besonders, dass Tokio beides bietet: eine fantastische Großstadt mit all ihren Vorzügen, aber auch große, wunderschöne Parks, die einem erlauben, sich auch mal vom Stadtleben auszuruhen.

Was gefällt dir an Tokio/Japan am wenigsten?
Es ist ganz schön schwer, hier eine Adresse zu finden, denn es gibt kein einheitliches Adressen-System, so viele kleine Gassen und leider kaum zuverlässige Stadtkarten.

Kannst du uns einige unvergessliche Erfahrungen nennen, die du hier in Japan gemacht hast?
Ich habe viele nette Menschen kennen gelernt und viele Freundschaften geschlossen. Und das Essen ist fantastisch!

Wirst du wieder nach Tokio/Japan reisen?
Ja, auf jeden Fall.

Welchen Rat würdest du Studenten geben, die zum ersten Mal nach Tokio/Japan kommen?
Nutze Deine Zeit und beschränke Dich nicht auf Tokio. Tokio ist zwar eine tolle Stadt, aber anzunehmen, Japan durch einen Aufenthalt in Tokio kennen zu lernen ist, als glaube man, die USA durch einen Besuch von Disneyland kennen zu lernen.

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